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15. November 2012
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Die Untersberger Marmorkugelmühlen
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Kugeln sind immer eine runde Sache. Wir waren schon total von ihnen fasziniert, als wir noch Kinder waren. Sobald die Schule zu Ende war – ich erinnere mich genau – suchten wir einen geeigneten Platz, machten ein Loch, packten unsere Klicker aus und fingen an zu spielen. Zuerst hatten wir ja nur die kleinen hölzernen mit ihren verschiedenen Farben. Die einzelnen Farben entwickelten für jeden von uns eine gewisse Geltung, je nach seinen Vorlieben. Eines Tages aber stieß Ferdinand zu uns und zeigte uns eine seiner wunderhübschen Kugeln. Sie waren viel größer als unsere Holzkügelchen und natürlich schwerer. Sie schillerten und glänzten, sahen aus wie undurchsichtiges Glas, mit Schlieren auf der Oberfläche. Fortan wurden diese Klicker für jeden von uns zu einem Statussymbol und es galt, möglichst viele von ihnen zu besitzen. Möglichst schöne von ihnen natürlich. Es wurde fleißig getauscht, geschummelt, gespielt und manchmal auch ein bisschen geklaut, um diese wertvollen Schmuckstücke in Besitz zu bekommen. Da gab es dann natürlich so manche Lausbuben-Balgerei und manchmal war auch ein blaues Auge mit dabei. Murmeln bestimmten einen großen Teil unserer Kindheit. Heute weiß ich, dass wir damals mit ihrer Hilfe ganz unbewusst einen Teil unserer sozialen Verhaltensweisen lernten und einübten, die wir später in unsere Erwachsenenwelt übernommen haben. Es waren nicht immer die schönsten Verhaltensweisen, aber für mich ist es trotzdem auch heute noch das Größte, mich an meine Klickerkindheit zu erinnern. Heutzutage sind Klicker ja aus der Mode gekommen – wir spielen nicht mehr sensitiv, mit allen Empfindungen unserer Sinne. Wir lassen spielen vor der Fernsehwand und dem Monitor. Im besten Fall spielen wir Moorhuhn-Jagd und ballern virtuell auf alle möglichen Objekte. Klickern war schöner, verrat ich Euch! Ja, die hübschen Großen, die aussahen wie undurchsichtiges Glas, sie nannten wir dann nicht mehr Klicker, sondern Murmeln. Einer sagte auch Schusser zu ihnen, aber er kam ja aus ganz einer anderen Gegend und seine Eltern waren zu uns hergezogen. Er war eh ein Außenseiter, aber komischerweise hatte er immer die Schönsten dieser Murmeln. So wurde er eben geduldet und durfte mitspielen. Eigentlich heißen Murmeln nicht Murmeln, sondern Marmeln. Das erfuhr ich viel später. Aber als Kind war mir das egal, denn ich hatte mir meine unschuldige Neugierde auf später aufgehoben. Diese Marmeln sind in Wirklichkeit Marmorkugeln und es gibt sie überall auf der ganzen Welt (wenn es sie heutzutage noch gibt). Früher jedenfalls wurden sie in Marmorkugelmühlen hergestellt und die gibt es heute (fast) nicht mehr. Sie wurden, die Kugeln, mit Segelschiffen in alle Welt exportiert. Von Bayern aus, wo diese Marmorkugelmühlen existierten, hatte man sie meist nach Rotterdam transportiert. Ein Teil von ihnen landete in London, bevor sie verschifft und nach West- und Ostindien exportiert wurden. Jeder Segelschifffahrtskapitän freute sich, wenn er eine solche Fracht bekam. Mancher von ihnen hätte am liebsten bei jeder Fahrt eine solche Fracht gehabt. Das hat auch seinen guten Grund, denn diese Kugeln waren außerordentlich schwer und trotzdem benötigten sie wenig Platz. Also deponierte man sie ganz unten in Stauräumen und räumte die andere Fracht, die man zu transportieren hatte, oben drauf. Damit konnte man in idealer Weise das Segelschiff stabilisieren, damit es nicht umkippte, so dass es gegen Stürme und sonstige Unbill der Naturgewalten viel besser geschützt war als marmellose Segelschiffe. So mögen Marmeln wohl gar manches Matrosenleben gerettet haben. Sie besitzen Schönheit und sind ansonsten zu nichts nütze als zum Spielen, denkt man. Dann retten sie Matrosenmenschenleben, hätte man nicht gedacht. Es waren ja schon nicht gerade wenige Marmeln, die da über die Jahrhunderte versendet wurden. Man hat im Jahr so an die 600 oder 800, manchmal sogar 1000 Zentner dieser Glanzkugeln verschickt. Ein Zentner von ihnen waren 1000 Stück. Ich hab’s niedergeschrieben, rechnen darfst du! Wie viele glückliche Kinder muss es wohl früher gegeben haben, weil sie Klicker spielen konnten! Begann denn Anfangs des 20. Jahrhunderts das Unglück der Kinder, als die letzten Marmorkugeln verschifft wurden, weil es offenbar von da an Wichtigeres zu tun gab, als mit Murmeln zu spielen? Ich weiß nicht genau, wie viele Marmorkugelmühlen es in Bayern gab - es mögen noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts so an die 130 Stück gewesen sein - , aber eine von ihnen, die wohl letzte ihrer Art, habe ich vor einigen Jahren im Urlaub am Untersberg im Berchtesgadener Land kennen gelernt. Alleine die Kraft des Wassers sorgt dort in der Mühlenanlage dafür, dass ganz gewöhnliche Marmorsteine aus den Bergen zu vollkommen runden Marmorkugeln geschliffen werden. Sanfte Kraft und viel Geduld vollbringen so ein Wunderwerk. Aber was im Leben wird schon ohne sanfte Kraft und ohne viel Geduld zu einem Wunderwerk?