writing, reading, travelling philosophizing, seeking out meaning in natural beauty and human connections,
7. Mai 2012
Telegrafeninsel
Schönheit ist manchmal mit Lebensfeindlichkeit gleichzusetzen. Und dennoch finden Menschen immer wieder Möglichkeiten, in den unwirtlichsten Gegenden zu überleben.
Wie die Finger einer Gichthand strecken die Ausläufer des Hadschar-Gebirges ihre Bergrücken weit in die Straße von Hormuz hinein und bilden so eine Meerenge, die aus verschiedenen Gründen immer wieder von besonderer strategischer Bedeutung für die Menschen gewesen ist. Bei näherem Hinsehen wirken die Ausläufer dieser Gebirgskette mit ihren Felsenfingern gar wie ein Dornengebüsch, welches die Assoziationen mit Blut, Leid und Hitze geradezu aufdrängen – und in der Tat: Heiß geht es her in dieser Region der Welt, zumindest was das Klima betrifft. Tagsüber klettert das Thermometer ohne große Mühe auf 40 Grad, um in der Nacht wieder bis auf den Gefrierpunkt abzufallen. So ist es selbst den Menschen dieser Region nicht möglich, das ganze Jahr über in der wüsten, kargen Landschaft zu überleben.
Wer mit seiner Dhau von Khasab aufbricht, um diese einzigartige Landschaft an der Straße von Hormuz zu erkunden, taucht ein in absolute Stille, weitab vom Lärm und der Hektik des Alltags. Der wird überwältigt vom Spiel des Lichts und den Spiegelungen auf dem Wasser in den Morgen- und Abendstunden. Die karge Landschaft erscheint nur auf den ersten Blick eintönig. Lässt man sich auf sie ein, offenbart sie auch schon bald eine faszinierende Lebendigkeit: Da, das ferne Geschnatter aus einer Vogelkolonie, und hier, in nur wenigen Metern Abstand vom Boot, zerteilt die Rückenflosse eines Delphins das ansonsten ruhige Wasser; ein zweiter, ein dritter, und sie beginnen, mit uns zu spielen. Sie tauchen unter unserer Dhau hindurch, nur um auf der anderen Seite des Bootes ihr neckisches Spiel fortzusetzen. Delphine sind keine Einzelgänger, entdeckt man einen, ist die Gruppe nicht weit.
Kormoran-Kolonie
Musandam ist eine Exklave, zu Land vollständig von den Vereinigten Arabischen Emiraten eingeschlossen und etwa 100 Kilometer Luftlinie von seinem Mutterstaat Oman entfernt. Um auf dem Landweg nach al-Chasab, dem Hauptort von Musandam, zu gelangen, benötigt man ein Visum für die Durchfahrt durch die Vereinigten Arabischen Emirate. Wegen seiner exponierten Stellung an der Straße von Hormuz – man kann über die Meerenge hinweg bei gutem Wetter die Küstenlinie des Iran flimmern sehen und so die Passage gut kontrollieren – ist Musandam als militärischer Stützpunkt interessant. Doch auch andere „Interessenten“ tummeln sich in diesem Gebiet. Ihnen ist es allerdings lieber, wenn sie ohne Sicht, im Schutz der Dunkelheit operieren können. Nacht für Nacht legen iranische Schmugglerboote hier an und „tauschen“ ihre Waren ein, aus und um.
Landwirtschaft ist wegen des Klimas nicht möglich und auch für Industrieansiedlungen ist die Gegend denkbar ungeeignet. So ergibt es sich von selbst, dass die Einheimischen vom Fischfang leben. Erst in den letzten Jahren hat man leider damit begonnen, die wenigen Ansiedlungen touristisch zu erschließen. Das bedeutet einerseits eine verbesserte Infrastruktur für die Region, andererseits aber auch massive Eingriffe in eines der letzten natürlichen Biotope.
Fische in Musandam lieben Bananen!
Musandams Landschaft ist in seinem strengen Kontrast von Hitze, Wasser und Stein einzigartig auf der Welt, aber gerade deshalb von großer Faszination. Da es von zahlreichen Fjorden durchzogen ist, hat man diese Landschaft das „Norwegen Arabiens“ genannt. Dennoch sind die Unterschiede der beiden Landschaften gewichtig. Der vegetationslose Backofen von Musandam und die üppige Vegetation der norwegischen Fjorde, sie repräsentieren zwei unterschiedliche Welten. Auch die Fjorde Feuerlands mit ihrem außerordentlich rauen Klima und ihrer an die eisigen Winde angepasste Vegetation bieten keinen Vergleich der Fjordlandschaften. Eher bilden sie einen extremen Kontrast zu Musandam; in beiden Fällen bewegt sich die Natur an den Grenzen ihrer Lebensmöglichkeiten. Da scheinen die Fjorde Norwegens dann schon eher die „goldene Mitte“ zwischen diesen beiden Polen auszumachen.
Für Europäer ist das Klima in Musandam denkbar ungeeignet. Als die Engländer ihr Unterwasserkabel von Indien nach Basra im Irak verlegten, führte der Weg der Telegrafenkabel mitten durch Musandam. Es gibt eine kleine Insel in den Fjorden, auf der die Briten im Jahre 1864 eine Telegrafenstation erbauten. Aber sie mussten bald einsehen, dass sich hier für sie nicht leben lässt. Die Insel war nur kurze Zeit bewohnt. Reste der Telegrafenstation sind noch heute vorhanden. Der Name der Insel ergab sich wie selbstverständlich: „Telegraph Island“, die Telegrafeninsel.
Wenn man auf dieser Insel schon nicht leben kann, so kann man doch hervorragend tauchen, schnorcheln und schwimmen. Die Insel ist von einem Korallenriff umgeben, und selbst von Boot aus erscheint es, als hätte sich die gesamte Farbenpracht der Natur in dieses Kleinod unter Wasser verlagert. Touristen füttern die Korallenbewohner mit Bananenstückchen, was immer ein quirlig-springendes farbenfrohes Hüpfen der exotischen Korallenfische auslöst – zur Abwechslung einmal ein ungewohntes Schauspiel des Kampfes um die besten Pfründe, in dem die Schwachen das Nachsehen haben. Und wenn die Dhau an der Telegrafeninsel vor Anker liegt, der Motor ausgeschaltet ist, dann „hört man förmlich die eigentümliche, nicht gekannte Stille“, während kleine Wellen an die Steine der Insel spülen und weiße Gischtwölkchen an der Treppe zum Aufgang der Insel spielen. Aufgenommen wurden die Bilder am 30. März 2005.
SPW00021, BT0068