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Warum die Hunde nicht mehr reden können

Manchmal fühlen wir uns wie von allen Hunden gehetzt, können gar nicht mehr sprechen vor lauter Erschöpfung. Oder wir werden stumm vor Schreck.

 

Es gab eine Zeit, da konnten auch die Hunde sprechen. Die folgende Geschichte erzählt, warum die Hunde nicht mehr reden können

Die Quechan-Indianer haben eine Lieblingsgeschichte, die sie ihren Kindern wieder und wieder erzählen. Sie erzählen ihren Kindern von dem Geheimnis, dass die Hunde einst reden konnten, genauso wie die Menschen auch. Die Hunde sprachen indianisch. Die Indianerkinder konnten sich mit ihnen über alles unterhalten, wozu sie Lust hatten. Sie konnten ihnen ihre Abenteuer, aber auch ihre Sorgen erzählen. Sie konnten den Hunden erzählen, welchen Ärger sie am Morgen mit der Ziege hatten und dass Mutter schimpfte, weil sie der Ziege eine Ohrfeige gaben. Auch die Erwachsenen konnten den Hunden alles erzählen, was sie bedrückte und was sie beglückte.

Die Hunde lebten eigentlich in ständiger Eintracht mit ihren indianischen Herrchen. Das heißt, sie hätten es gerne getan, wenn sie es nur gekonnt hätten, deshalb das „eigentlich“. Hunde haben nämlich von Natur aus, so lieb sie sind, eine ziemlich schlimme Eigenschaft: Sie reden zu viel!

Sie quatschten ununterbrochen, tagaus, nachtein. Sie sprachen einfach viel zu viel. Nie hörten sie auf zu reden! Egal, was immer geschah, es musste auf dem Marktplatz der Hunde ausdiskutiert werden und von dort aus wurde es weiter in die einzelnen Wigwams getragen. Die Gerüchteküche brodelte. Alles was sie hörten, alles was sie sahen, musste in Worte umgesetzt und sogleich in alle Winde verbreitet werden.

Ihre Quasselsucht war so stark geworden, dass keiner, wirklich keiner von ihnen auch nur das geringste Geheimnis anderer, von dem sie hörten, mehr für sich behalten konnte. Und die Menschen konnten nichts mehr vor ihnen verbergen, auch wenn die Angelegenheit noch so persönlich war! Es war schrecklich, was die Hunde da anstellten.

Eines Tages – es war nicht mehr auszuhalten – setzten sich alle Indianer zusammen und befragten ihren ‚Großen Geist’. „Oh, ‚Großer Geist’, sprachen sie in ihrer Not, höre unser Gebet. Tu bitte etwas wegen unserer Hunde. Wir können nicht einmal mehr unsere intimsten Bedürfnisse und Geheimnisse für uns bewahren. Die Hunde tragen alles weiter, und wir leiden sehr darunter!“

Aber die Hunde ließen sich nicht beirren. Sie setzten einfach ihr unkluges Verhalten fort und die Indianer litten weiter darunter, so sehr, dass auch ihre Kinder ganz traurig davon wurden.

Jeden Abend, wenn die Menschen zu Bett gingen, hatten sie schon Furcht davor, was wohl die Hunde ihnen am nächsten Morgen, noch ehe sie richtig wach waren, wieder an Geheimnissen erzählen würden. Sie vergaßen darob schon fast ihren ‚Großen Geist’.

Eines schönen Morgens jedoch erhob sich ein alter Mann aus seinem Bettlager. Er starrte den Hund, der schon auf ihn wartete, ihm das Neueste zu erzählen, das sich ereignet hatte, einige Minuten lang einfach nur an.

Dann schnappte er sich den Hund mit einer schnellen Bewegung. Er schüttelte ihn erbärmlich, bis diesem fast der Kopf vom Hals abfiel. Dann ließ er ihn los und sprach zu ihm.

„Na gut, mein Lieber“, sagte er, „und jetzt hau ab und erzähle jedem, den du erreichen kannst, dass ich dich misshandelt habe!“

Und etwas Merkwürdiges geschah nun. Der Hund schaute ihn an. Einfach nur an. Eine ganze Minute lang. Seine Mine war unbewegt, nur seine Schnauze lefzte ein klein wenig. Er sprach kein Wort.

Da war der alte Mann überrascht. Er traute dem Frieden nicht und probierte noch etwas anderes aus, um zu verstehen, was da vor sich ging: Er flüsterte dem Hund sein allergrößtes Geheimnis ins Ohr und forderte ihn dann auf: „Gut, Hund, du kannst ja eh nicht anders. Also mach dich auf den Weg und erzähle jedem, dem du begegnest, mein allergrößtes Geheimnis!“

Doch wieder schaute ihn der Hund nur groß an und sprach kein Wort. Er dachte überhaupt nicht daran, das Geheimnis des alten Weisen weiter zu erzählen.

Stattdessen begann der Hund zu bellen. In allen Spielarten. Er bellte. Er kläffte. Er knurrte. Er jaulte. Doch er sprach nicht ein Wort mehr.

Was war das für eine Erleichterung bei allen Indianern! Sie wussten nun, dass ihr ‚Großer Geist’ einen Weg gefunden hatte, sie aus ihrem Problem zu erlösen. Sie wussten wieder, dass der ‚Große Geist’ jedes ihrer Gebete erhört. Aber es wurde ihnen auch wieder klar, dass sie den ‚Großen Geist’ machen lassen mussten, wie ER wollte, nicht wie sie es wollten.         >>>

Wenn die Quechan-Indianer heutzutage diese Geschichte erzählen, sagen sie ihren Kindern immer noch, dass die Hunde einst wirklich sprechen konnten. Doch die Hunde nutzten ihre Gabe nicht für eine gute Sache. Deshalb wurde ihnen die Sprach wieder genommen.

Also bellen jetzt alle Hunde. Sie bellen eine ganze Menge. Sie kläffen. Immer wenn sich ein Fremder ihrem Indianerdorf nähert, fangen sie an zu keifen. Sobald sie in der Nacht ein Geräusch hören, beginnen sie zu knurren. Sie jaulen einfach immer – auf irgendeine Weise. Nur Geheimnisse erzählen, das können sie nicht mehr.

„Also pass lieber auf“, so sagen die Indianeralten heute zu ihren Kindern, „wie du mit deinen Worten umgehst. Es könnte dir sonst nämlich geschehen, dass du zu bellen beginnst. Wie ein Hund.“

 

SPW00030, PA0117

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S
Lieber Herr Sandemann,
gibt es zum Thema "indianische Märchen" eigentlich auch solche, die sich auf einen bestimmten Fluss beziehen?
Dies würde mich persönlich interessieren, vielleicht wissen Sie ja ein bestimmtes Märchen, das diesen Bereich abdeckt.
Vielen Dank!
Antworten
P
Liebe Sara Lund,
ich habe aus gesundheitlichen Gründe einige Zeit dieses Block nicht bedient, was mir sehr herzlich leid tut. In meinem Bestand habe ich einige Märchen, in denen Flüsse eine Rolle spielen. Doch sie behandeln immer "gleichnishaft" den Fluss, das Wasser etc. meist in Verbindung mit Tieren.
Liebe Grüße
Pol Sandeman
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