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Kriegerische Stille

[caption id="attachment_10" align="aligncenter" width="300" caption="See am Rideau Kanal"]See am Rideau Kanal[/caption]

 

Gelegentlich lasse ich es mir nicht nehmen, nach Orten der Stille Ausschau zu halten und mich auf sie einzulassen. Beim Meditieren an solchen Orten öffnet sich der Geist in hohem Maße. Er wird in den Stand versetzt, neue und unerwartete Ideen und Einfälle anzuziehen, die scheinbar nur darauf warteten, sich einzunisten. Nicht selten kehrt man aus solch einer stillen Anschauung als ein neuer, ein gereifterer Mensch in seinen Alltag zurück.

Dabei fing alles ganz kriegerisch an, bevor die Idylle sich ihre Stille zurück eroberte. Wir befinden uns an einem Ableger des Rideau Kanals, einem der vielen ruhig vor sich hin spiegelnden Seen in den Wäldern von Ontario. Von Kingston am Ontario See aus bis in die 200 km entfernte kanadische Hauptstadt Ottawa sind sie alle miteinander durch einen von Menschenhand erschaffenen Kanal verbunden. Insgesamt 43 Schleusen führen durch die weiten Seenlandschaften, die der Kanal mit dem Lauf des Rideau Flusses verbindet.

 

[caption id="attachment_11" align="aligncenter" width="300" caption="Schleusenwärter beim Öffnen einer Schleuse"]Schleusenwärter beim Öffnen einer Schleuse[/caption]

 

Der Rideau Kanal ist nicht nur die bedeutendste und längste künstliche Wasserstraße Nordamerikas, sondern auch eine technische Meisterleistung des frühen 19. Jahrhunderts. Er ist seit seiner Eröffnung im Jahre 1832 ununterbrochen in Betrieb. Das besondere dabei ist, dass er noch heute genauso funktioniert, wie ihn einst die Briten gebaut haben. Die Schleusentore werden auch heute noch wie damals von Hand betrieben.

Nichts deutet darauf hin, dass der Kanal ursprünglich einem militärischen Zweck diente. Lediglich am Anfang des Kanals, im Fort Henry in Kingston, findet man noch burgartige Befestigungs- und Wehranlagen. An seinem Ende, dort, wo der Kanal in den Ottawa River mündet, findet man eine vortrefflich erhaltene Kanalarchitektur vor, ein imposantes Bauwerk vorindustrieller Geschichte. Insgesamt 47 Schleusen gibt es und nur 19 Kilometer des 202 Kilometer langen Kanals mussten künstlich angelegt werden.

 

[caption id="attachment_12" align="aligncenter" width="300" caption="Rideau Kanal bei einer der Schleusen"]Rideau Kanal bei einer der Schleusen[/caption]

 

Der Rideau Kanal war ursprünglich als eine Art Waffe gedacht, um im Konflikt mit den jungen Vereinigten Staaten von Amerika einen freien Transportweg zwischen dem Ontario See und dem St. Lawrence Strom zu erhalten. Über ihn wollte man ungehindert den freien Transport von Menschen und militärischen Gütern durchführen können. Diesem, seinem eigentlichen Zweck, hat er jedoch niemals gedient, denn bald nach dem Bau herrschte Frieden zwischen Amerika und Kanada. So war eine kriegerisch gedachte Anlage bald mit friedlichen Mitteln von den Menschen und der Natur in Besitz genommen worden. Durch die Romanze zwischen Natur und Technik, die auch die Menschen bald für sich nutzten, ist aus der Region in der Provinz Ontario eines der beliebtesten Erholungsgebiete Nordamerikas geworden - ein einmaliges Beispiel friedlicher Umwidmung eines großen militärischen Bauwerkes durch die Bevölkerung. So wurde der Kanal folgerichtig im Jahre 2007 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt, wobei gleichermaßen die Natur und die menschliche Kulturleistung gewürdigt wurden.

 

[caption id="attachment_13" align="aligncenter" width="300" caption="Schleusenkaskade am Ende des Kanals in Ottawa"]Schleusenkaskade am Ende des Kanals in Ottawa[/caption]

 

So beschaulich wie sich heute der Kanal darbietet, ist seine Baugeschichte allerdings nicht. Seine Errichtung war knochenharte Arbeit und sie war lebensgefährlich. Es gab mehr als 1000 Tote zu beklagen, wovon die meisten in den sumpfigen Gebieten an Malaria starben. Von denjenigen Kanalarbeitern aber, die überlebten, ließen sich viele in der Gegend des Rideau mit ihren Familien nieder, wurden Schmiede, Steinmetze oder Schleusenwärter und bewahren ihre Traditionen auch heute noch über die vielen Generationen hinweg. Die Traditionen eines Bauwerkes, für den Krieg erbaut und dem Frieden dienend; man wünschte sich mehrere solcher Beispiele! Die Aufnahmen wurden am 30. Juni 2011 gemacht.

 

SPW00001, BT0074

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